Authentizität trifft Opulenz

Marcel Wanders ist unbestreitbar einer der ganz Großen seiner Zunft und definitiv eine einzigartige Type mit einer Affinität zur romantischen Opulenz. Dabei begann seine Karriere damit, dass er nach gerade einmal einem Jahr von der Designschule flog. Aber Widerstände waren schon immer seine Spezialität.

Wir stellen den außergewöhnlich talentierten Designer im Portrait vor, werfen einen Blick auf seine unverwechselbare Schaffensphilosophie und natürlich auch auf seine bekanntesten Werke.

Aller Anfang ist schwer

Eines muss man Wanders lassen: Er wusste eigentlich immer, was er wollte. Manchmal sogar ein bisschen zu gut. Seine ausdrucksstarke Persönlichkeit und sein intellektueller Freigeist brachten ihm während seines ersten Jahres an der Design Academy Eindhoven durchaus Probleme ein. Das Ganze gipfelte darin, dass er wegen „Unbelehrbarkeit“ der Hochschule verwiesen wurde. Aber das sollte den jungen Niederländer nicht aufhalten, ganz im Gegenteil. Die Kunstakademie Arnheim schloss er einige Jahre später schließlich mit Auszeichnung ab und begann seine Karriere als freier Designer, bevor er 1995 sein erstes eigenes Büro in Amsterdam gründete. Kurz gesagt: Der Anfang einer internationalen Top-Karriere. Und bis heute beteuert er bei jedem seiner Schritte: „Es war immer ich und es ist immer ich!“ Und genauso geht Authentizität.

Marcel Wanders

© Marcel Wanders

knotted chair

© Marcel Wanders

Knotted Chair – Durchbruch für Marcel Wanders

Schon ein Jahr nach Eröffnung seines Studios gelang Wanders der ganz große Wurf. Sein Knotted Chair, entworfen für Droog, wurde international viel beachtet, erhielt den Rotterdam Design Preis, schaffte es ins Museum of Modern Art in New York und gilt heute als der Klassiker schlechthin aus seiner Feder. Der Clou der unkonventionellen Sitzgelegenheit: Die geflochtene Lehne besteht aus Karbon- und Aramidfasern, die durch einen Überzug aus Epoxydharz stabilisiert werden. Mit seiner Knotenkunst bewies Wanders eindrucksvoll, dass sich Leichtigkeit und Robustheit keinesfalls ausschließen müssen.

 

Und es sprudelt weiter …

Wanders gilt – ähnlich wie sein „Kollege“ Karim Rashid – als kreativer Workaholic. Bemerkenswert sind vor allem seine 2000er. In dieser Zeit hagelte es nur so Design-Preise und Awards für den exzentrischen Niederländer. Mit seiner Tischleuchte B.L.O. (die sich durch Pusten ein- und ausschalten lässt), dem Carbon Chair und dem VIP Chair schuf er weitere Klassiker, die heute jeder kennt, der sich auch nur entfernt für Interieur-Design interessiert. Nur logisch, dass so ziemlich jedes Design-Label, das es gerne mal etwas unkonventioneller hat, schon mit ihm zusammenarbeitet hat – von Alessi über British Airways bis hin zu Cassina und Bisazza. Dabei gilt: Wanders ist immer Wanders, aber nie gleich. Obwohl er es erwiesenermaßen gerne romantisch und/oder barock mag, ist er ebenso bekannt für die Verwendung von Comic-Prints.

Carbon Balloon Chair Delft Blue

© Marcel Wanders

Auch das Objektgeschäft hat Marcel Wanders schon lange für sich entdeckt. Große Bekanntheit erlangte die Gestaltung der Themensuiten des Kameha Hotels in Bonn. Nach Lebensmotti wie „Work Hard“ oder „Play Hard“ freuen sich die Gäste über perfekt auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Ausstattungen, letztgenannte beispielsweise über Dartscheibe, Kicker und Spielekonsole. Dieses Projekt gefiel Wanders scheinbar so gut, dass er mittlerweile selbst in die Hotellerie eingestiegen ist und Anteile am „Andaz Amsterdam“ hält, das definitiv einen Besuch wert ist.

Was seine nächsten Schritte angeht, ist einmal mehr „Groß denken“ angesagt. Er selbst würde sich wünschen, eine Moschee zu gestalten. Und auch das wird er mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit schaffen.

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